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Kolumne
 

Persönlichkeitsentfaltung im Internet

Jochen spricht nicht mehr mit Claudia. Beim gemeinsamen Chat hatten sich der Hamburger Tischler und die Gelsenkirchener Kosmetikerin kennen und schätzen gelernt und noch bis vor zwei Wochen als "Paar" bezeichnet. Aber dann war Jochen nach Gelsenkirchen gefahren, um seine virtuelle Partnerin leibhaftig zu erleben, und Claudia musste feststellen, dass der Angebetete sechs Jahre älter war als angegeben. Damit hatte er Claudias selbst gesetztes Alterslimit um zwei Jahre überschritten und wurde von ihr als "alter Knacker" bezeichnet, was wiederum ihn erboste, so dass er das gerade fünfzehnminütige Gespräch abrupt abbrach und unverrichteter Dinge nach Hamburg zurückfuhr. Neben den immensen Benzinkosten hatte ihn die Tatsache geärgert, dass Claudia zwar ihr Alter korrekt wiedergegeben hatte, nicht jedoch Leibesfülle und Haarfarbe. Er war bereit gewesen, über derlei Ungenauigkeiten hinwegzusehen. Gewicht und Haarfarbe lassen sich ändern, fortgeschrittenes Alter nicht.

Inzwischen hat zwar Claudia das Alterslimit nach oben korrigiert und sieht sich somit wieder imstande, Jochen per Chat zu kontaktieren. Doch dieser hat in letzter Zeit viele Webseiten über misslungene Schlankheitskuren gelesen und nagt zudem immer noch am alten Knacker. Zudem hat sich Michaela in Jochens Leben eingefunden, die beteuert, wirklich schlank zu sein, was Jochen glauben muss, da sie ansonsten schließlich kaum die Laufbahn als Fotomodell eingeschlagen hätte. Auch Jochen hat dazugelernt, der Abstand zu seinem virtuellen Alter ist auf vier Jahre zurückgegangen, zum Ausgleich ist er nun Inhaber eines Haushaltswarengeschäfts, das wöchentlich neue Filialen in der Hamburger Innenstadt eröffnet.

Michaela wohnt in München, kann Jochen aufgrund eines mit Fotosessions überfüllten Terminkalenders leider nicht empfangen, versichert ihm jedoch, seit Beginn ihres gemeinsamen Chats alle Männerbesuche abgesagt zu haben und schickt reizende Fotos per Dateitransferfunktion. Für das Fernsehen oder überregionale Zeitschriften, die Jochen in Hamburg erwerben könnte, reicht ihre Karriere freilich noch nicht, aber das wird schon noch werden und bis dahin kann sich Jochen glücklich schätzen, der einzige Mann in Hamburg zu sein, der Michaelas Antlitz betrachten kann. Ein Überraschungsbesuch in München gipfelt im brüsken Verweis eines schlecht gelaunten Herrn, in diesem Haus habe niemals eine Michaela gewohnt, klärt sich jedoch Tags drauf im Chatgespräch, da die Hausnachbarn strikte Anweisung haben, Michaela aufgrund der ständigen Belästigungen durch Autogrammjäger zu verleugnen. Über die immensen Benzinkosten kann Michaela Jochen mit einem reizenden neuen Foto hinwegtrösten.

Stolz in das Foto eingeweihte Freunde trüben jedoch Jochens Hochgefühl, indem sie das Bild zu erkennen vorgeben, jedoch unter anderem Namen. Jochen wird misstrauisch, zuerst gegen die Freunde, dann auch gegen die Abgebildete. Auf Jochens beißende Anfrage, ob sie nun Michaela oder Britney heiße, verstrickt sich die Beschuldigte in Ungenauigkeiten und erweist sich schließlich als Hamburger Postangestellter, der überdies noch nie etwas von der geschilderten Haushaltswarenkette gehört habe. Jochen besinnt sich auf Claudia, die jedoch mittlerweile mit einem attraktiven italienischen Juniorchef aus dem 16. Jahrhundert verlobt ist und lässt sich vom Chat-Betreiber ein neues Login geben.

Der Schreck erhöht Jochens Altersabstand wieder und bewirkt gleichzeitig einen Sprung auf der Karriereleiter. Als vielversprechender Nachwuchsschauspieler, der jüngst den Ruf nach Hollywood erhalten hat, bespricht er sich jetzt mit Gleichgesinnten, um Sorgen und Nöte des künftigen Stardaseins zu teilen. Selbst ein verstoßener Sproß der illegitimen Liaison zwischen spanischer und monegassischer Aristokratie und verkannter Verfasser einfühlsamer Klavierminiaturen muss sich eben durchschlagen in einer Welt voller Lug und Trug. Sein Auto hat er verkauft, in der Nestwärme des Internet wirkt es ohnehin wie ein Relikt aus vergangenen Zeiten.