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Kolumne
 

Luthers Homepage

Wir wissen es heute definitiv: Luther hat seine Thesen 1517 nicht an die Pforte der Wittenberger Schlosskirche genagelt. Aber er hätte sie wahrscheinlich im Internet veröffentlicht, wenn er seinerzeit die Möglichkeit dazu gehabt hätte. Dort hätten sie dann auf seiner persönlichen Homepage gestanden, 95 Internetseiten im Frameset, pro Seite eine These.

Übelgesonnene Kollegen auf der Universität hätten noch am nächsten Morgen den Papst per E-Mail von der Freveltat des Augustinermönchs unterrichtet, so dass der Heilige Vater bei Luthers Wittenberger Provider die umgehende Abschaltung der Seiten bewirken konnte. Die Seiten wären also nur wenige Stunden öffentlich verfügbar gewesen.

Aber das hätte möglicherweise schon gereicht, um zahlreiche Köpfe und Browser-Caches zu erreichen, so dass die Inhalte sich per E-Mail zwischen den Bildschirm-Häretikern blitzschnell verbreiten konnten. Reformatoren mit HTML-Kenntnissen veröffentlichten die Thesen erneut auf subversiven Servern, die blitzschnell heruntergefahren werden konnten, so dass die Kirche schon bald nicht mehr Herr der vernetzten Lage war.

Zwar versuchte man von Kirchenseite aus, Luther via E-Mail von seinen Umtrieben abzubringen, aber Luther mailte wahrscheinlich tagelang nicht zurück, bis er wenige Wochen später den Kirchenbann in Form eines vom Heiligen Vater persönlich digital signierten PDF-Dokuments in seinem Posteingang vorfand.

Die Homepage des Wormser Reichstags (www.worms.hrrdn) wies im News-Bereich mit einer kurzen als "Wormser Edikt" überschriebenen Mitteilung auf die Verhängung der Reichsacht über Prof. Luther hin, ehe man sich wieder Welschenschelte und Lifestyle widmete. Dass irgendjemand eine Hardcopy des Wormser Edikts anfertigte, die die Jahrhunderte überdauert hätte, ist wohl eher unwahrscheinlich.

Luthers Schriften waren mittlerweile auf den online-Index (Index paginarum domesticarum prohibitarum, www.ipdp.net) gesetzt worden, dessen hochgelobte, stetig weiterentwickelte Funktionalitäten wie Volltext-Suche und Session-Management bekanntlich durch den Ablasshandel finanziert wurden. Tatsächlich geisterten die Schriften jedoch längst als eBooks, PDFs und sogar von Melanchton persönlich gelesene MP3s durch die Peer-to-Peer-Netzwerke der Schreibstuben, Fürstenhöfe und sogar Klöster. Bauern, die den surfenden Mönchen über die Schultern sahen, wurden schnell vom Sog der Reformation mitgerissen. Es entstanden hochfrequentierte Reformations-Foren, in denen sich schnell neue Fronten bildeten, aus denen die Communities der Gegenreformation hervorgingen.

Der virtuelle Krieg war vorprogrammiert. Mehrmals jährlich wurde der protestantische Server www.reformation24.com von Hacker-Defacements heimgesucht, während die Homepage der Gegenreformation www.ablass4all.com wiederholt distributed denial of service-attacks ausgesetzt war. Der junge Reforminformatiker Johannes Calvin entwickelte einen E-Mail-Wurm, der beim bloßen Aufruf im Mail-Programm sämtliche Bilder von der Festplatte löschte, die katholische Kirche hingegen bestückte ihren durch vereinfachte Zahlungsmodalitäten populär gewordenen Ablassgenerator eternity.exe 3.0 mit einer nichtdokumentierten Spyware, die den ausführenden Rechner nach lutheranischen Schriften durchsuchte.

Der exkommunizierte Luther hatte ob des Verlusts sämtlicher Rechte seinen Provider längst nicht mehr bezahlen können, so dass an Antwort-Mails an die Kirche nicht mehr zu denken war. Er konnte bei Landesfürst Friedrich auf der Wartburg untertauchen, erhielt dort jedoch striktes online-Verbot, da die Kurie eine Überwachung des gesamten heilig-römischen Traffics angeordnet hatte. Erst die heimliche Installation eines Anonymizers auf dem Rechner eines wegen Stigmatisierung langfristig krankgeschriebenen EDV-Mitarbeiters ermöglichte ihm den erneuten Zugang zum Internet. Innerhalb weniger Wochen gelang Luther die vollständige Bibelübersetzung vermittels Babelfish, die er nach Fertigstellung umgehend an die zuständigen Foren und Mailinglisten postete. Der Erfolg war überwältigend. Zwar waren die Daten kaum für das Internet optimiert - trotz der zahlreichen Zwischenüberschriften war der Text zu lang und zu spärlich illustriert - aber die Reformatoren hatten endlich das Material, um Unmengen von Domains zu füllen, die sie sich ob der fehlenden Einnahmequelle des Ablasshandels natürlich nicht leisten konnten.

All dies hätte mit Hilfe des Internets in wenigen Wochen erledigt sein können, statt der Bauernaufstände wären versicherungspflichtige Server-Downtimes zu beklagen gewesen, statt des Bildersturms ein recoverable data loss. Sogar die spanische Inquisition hätte sich vielleicht höchstens als Internet-Blockade dargestellt, wie wir sie derzeit in China beobachten können. Das Internet hätte womöglich die Reformation friedlicher verlaufen lassen und die durch den Kampf der Konfessionen entstandenen Schäden von uns abgewandt.

Aber soweit wäre es wahrscheinlich gar nicht gekommen. Wenn Luther 1517 seine Thesen ins Internet gestellt hätte, wäre er kein Einzelfall gewesen. Das Internet wäre voll gewesen mit Thesen für und wider die katholische Kirche, voll gefälschter Bullen gegen Päpste und Edikte, voller Edikte gegen Inquisitoren und Brückenheilige und voller Ereiferungen gegen Lärmbelästigung durch Glockengeläut. Niemand hätte sich auch noch die Thesen Luthers angesehen.

Und selbst wenn, wären sie als die verqueren Auswüchse eines exegetisch verklärten, weltfremden Geistes angesehen worden. Es hätte seinerzeit wesentlich Schlimmeres gegeben im Internet: Endzeitstimmung, kabbalistische Beliebigkeiten, "Bible code". Niemand hätte die privaten Äußerungen Luthers abgeschaltet. Was, wenn man allem Beachtung schenkte, das sich die Leute so ausdenken? - Reformation? Sowas gibt es doch nur im Internet.