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Kolumne
 

Gedrehtes Wissen

Dinge, die mich interessieren, müssen sich nicht zwangsläufig drehen. Damit soll nicht gesagt sein, dass mich drehende Dinge nicht interessieren, aber sie interessieren mich nicht mehr als Dinge, die sich nicht drehen. Manch einen wird diese Einstellung vielleicht verwundern, sie mag unzeitgemäß erscheinen, denn die Mehrheit moderner, bildungsbeflissener Konsumenten ist da offenbar ganz anderer Meinung: Untersuchungen erfolgreicher Multimedia-Hersteller werden dies belegen können.

Dass wir Deutschen Weltmeister im Lexikonkaufen sind, ist nichts Neues. Schon vor Jahren hat die Multimedia-Industrie darauf reagiert und zahllose interaktive Lexika auf CD-ROM herausgebracht, die wir ebenfalls gekauft haben. Es war seinerzeit eine Sensation: Binnen weniger Sekunden konnten wir vierundzwanzig dicke, schweinsledergebundene Folianten durchlesen und nach dem Begriff "Hardwarekonflikt" durchsuchen, der uns bei der Installation aufgefallen war. Die Welt war wieder ein Stück schneller geworden und mit der fortschreitenden Miniaturisierung war letztlich ihr Wissen auf die Größe eines Handtellers komprimiert. 60.000 Begriffe enthielt mein erstes CD-Lexikon und war damit inklusive Hülle etwa zehn Kilo leichter als die fünfbändige Buchausgabe.

Der alte Schülertraum ging in Erfüllung: wir brauchen keine Bildung mehr, wir wissen ja jetzt, wo man sie rausklickt. Stand bis dahin der Kenner vor dem Regal und die Konkordanz darinnen, so drehte sich dieses Verhältnis jetzt um. Das war die erste Drehung. Aber es war nicht die entscheidende.

Jüngst erschien die neue Ausgabe meines Lexikons: diesmal umfasste sie bereits zwei CDs - und 50.000 Begriffe. Der Begriffsschwund hatte eine handfeste Ursache: lagen den Informationen der alten CD lediglich einige mickrige Bildchen bei, in 2D und vereinzelt gar schwarzweiß, so waren die verbliebenen Begriffe jetzt mit allen erdenklichen Panoramen, Dioramen, Filmen, Tondokumenten und lehrreichen Animationen ausgestattet, vom selbstrotierenden Beethovenkopf bis zur 360-Grad-Ansicht des Gotthard-Tunnels mit frei wählbarem Betrachtungswinkel. Man konnte sich in Whistlers Mutter hineinzoomen und gelangte durch die zuckende Aorta eines ungenannten, aber auf vier Ebenen schwenkbaren Organspenders vorbei am abschaltbaren Sinusknoten schließlich in ein rotierendes Fass lustig fermentierender linksdrehender Zuckermoleküle mit blinkenden Hydroxylgruppen und farblich verstellbaren, auf- und abrollenden Tabellen der Alkoholtoten im Straßenverkehr, wahlweise geordnet nach Jahren, Ländern und Rebsorten. Die Multimedia-Industrie hatte hinzugelernt: nicht die Information war es, die den modernen Lexikonkonsumenten interessiert, sondern ihre Drehbarkeit. Offenbar hatten ausgiebige Marktforschungen und langwierige Befragungen in Fußgängerzonen den großen Schritt von der ersten zur zweiten Ausgabe meines Lexikons begleitet.

Das Ergebnis war eine virtuelle Ekstase, es drehte, rollte, blinkte und piepste alles, das man am Bildschirm berührte. Die Buchstaben schoben sich zu Begriffen zusammen, aus denen von Geisterhand Menus abrollten und in pulsierende Animationen mündeten; ein großer Drehschalter mit konfigurierbarem Knacks verteilte die Themenbereiche im virtuellen Strudel, bis sie sich zufällig trafen und voneinander abprallten wie Diderot im Schleudergang. Schon am ersten Abend kam Martin Luther King auf ganze einundsechzig Träume und Neil Armstrong hatte einen Stepptanz für die Menschheit hingelegt. Doch dann geschah etwas Furchtbares: 1191, nach dem Tod Barbarossas im Saleph auf animierten Routen in mehrstufig drehbarer isometrischer Projektion, kurz vor dem Sturm Jerusalems, beging Richard Löwenherz einen schweren Ausnahmefehler im Segment 0058C3:FFFF, der weniger auf den noch kurz am oberen Bildschirmrand aufblitzenden Saladin als auf ein veraltetes Plugin zurückzuführen war, dessen Upgrade den dritten Kreuzzug zwar zu einem authentischen Ende führte, jegliches Abspielen von Videofilmen jedoch fortan unterband.

Guten Gewissens konnte ich zur ersten Ausgabe meines Lexikons zurückkehren, die ohnehin keine Videos, dafür aber 10.000 Begriffe mehr bot und mir manch peinliche Situation ersparte, in der mir mein Notebook nachts im Hotel lautstark die Frage nach dem totalen Krieg stellte oder die durchschlagende Wirkung eines Elvis Presley vor Ohren führte, hätte er nachts um drei in meinem Einzelzimmer gespielt.

Zudem war mein Arm lahm geworden, an die vierzig Mal hatte ich die CD wechseln müssen, bis die Lade des Laufwerks ausrastete. Beim Kauf des neuen Laufwerks bemerkte ich, dass die aktuellste Version meines Lexikons mittlerweile fünf CDs und 40.000 Begriffe umfasste. Auch wenn CD-Laufwerke wöchentlich schneller werden, so bezieht sich dieser Geschwindigkeitszuwachs nur auf das Lesen der Daten, nicht auf das Öffnen der Schublade. Und wenn ich zum Auffinden einer Information erst einmal fünf CDs ein- und ausschieben muss, ist der Griff zum Buch doch wieder die schnellere Alternative, zumal man dort die Audiofunktionen nicht vorher abschalten muss.

Denn das wussten die alten Enzyklopädisten besser als die Multimedia-Industrie: Wissen hat etwas mit Geschwindigkeit zu tun. Jeder kann die Heisenbergsche Unschärferelation erklären, mancher aber erst nach dem Besuch der Bibliothek. Oder dem Wechseln von fünf CDs.