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Kolumne
 

Die Güntflut

Es ist eine alte Tradition. Die Ägypter benutzten ihre Pyramiden, Römer und Griechen taten es in Tempeln und Thermen, Bischöfe und Feldherren ließen kaum eine Gelegenheit aus und die gotischen Kathedralen sind voll davon. Mittlerweile sind wir bescheidener geworden, begnügen uns mit öffentlichen Toiletten oder Bushaltestellen, um uns im Vorübergehen unsterblich zu machen. Wo der Römer noch umständlich den Meißel ziehen musste, um sein "Julius hic erat" ins Kapitell zu ritzen, reicht uns heute der Griff zum Edding, und die Nachwelt wird nie vergessen: "Günter was here".

Aber genaugenommen waren auch die Bushaltestellen und öffentlichen Toiletten eine postindustrielle Übergangsphase auf dem Weg zur Informationsgesellschaft, schließlich haben wir heute ja das Internet. Was in den vergangenen Jahrtausenden der heimliche Griff zum Schreibwerkzeug war, hat jetzt hochoffiziell und mehrspaltig sein Zuhause auf den Bildschirmen gefunden. Erst durch den Segen des Internets wird die Welt zur globalen Bushaltestelle; wo auch immer wir uns hinwenden im Netz der Netze, überall lesen wir einhellig: "Günter was here".

Die Welt ist toleranter geworden. Wurde noch bis vor wenigen Jahren das menschliche Grundbedürfnis der akuten Selbstverewigung polizeilich verfolgt, so akzeptieren wir heute nicht nur die ständige Gegenwart der Güntermitteilungen, wir zahlen sogar dafür. Wir nennen es nicht mehr "Krakelei" oder "Geschmier", sondern "persönliche Homepage", und die Verfasser der ehemaligen "Schmierereien" werden heute von ihren Nachbarn bestaunt.

Selbstverständlich hat sich der Übergang von der Bushaltestelle in die Virtualität nicht spurlos vollzogen; die neugewonnene Legitimität eröffnet uns ungeahnte Gestaltungsmöglichkeiten. Mussten sich unsere Vorfahren nach Verfertigung der Mitteilung noch schnellstmöglich davonmachen, so kann der moderne Günter heute tagelang an Überschriften und Spaltensätzen basteln, Buchstaben färben und tapetenähnliche Hintergründe anbringen, und vor allem: er braucht nicht nur zu erklären, dass Günter hier war - er kann auch begründen, warum.

Denn einer der großen Nachteile der Vergangenheit war schließlich, dass wir beim Lesen auf der Bushaltestelle mit einem Minimum an Information auskommen mussten. Wir wussten nur, dass Günter hier war - alles weitere war Spekulation. Warum war er hier? War er allein oder hatte er jemanden bei sich? War er zum ersten Mal hier? Wird er wiederkommen? Alle diese Fragen blieben offen. Durch das Internet haben wir nun endlich die Gelegenheit bekommen, die ganze Wahrheit über Günter zu erfahren.

War der Günter der Bushaltestelle noch ein obskures Subjekt, das man kaum einschätzen konnte, so zeigt er sich im Internet als sympathischer Mittzwanziger, der gerne liest und Musik hört, Grundschule und Gymnasium erfolgreich absolvierte und jetzt in einer mittleren deutschen Großstadt einem geisteswissenschaftlichen Studium nachgeht. In seiner Freizeit liest er gerne und hört Musik, manchmal geht er ins Kino oder er fährt in die Berge, was er anhand zahlreicher Fotos auf den Folgeseiten belegen kann. Er nimmt seit drei Jahren aktiv am Internet teil und findet es großartig, sieht jedoch Probleme beim Datenschutz.

Neben einem Portrait Günters, das in den Ferien des vergangenen Jahres entstanden ist, finden wir auch eines seiner Freundin Petra, die vor kurzem ihren Hund verloren hat und darüber verständlicherweise noch nicht ganz hinweggekommen ist. Sogar an die Fotos vom Hund hat Günter gedacht. Günter liebt schnelle Autos und versorgt uns unaufgefordert mit Links zu den Homepages der von ihm favorisierten Hersteller. Er selber besitzt auch ein Auto, das nicht ganz so schnell ist wie seine Lieblingsfahrzeuge, aber dafür ist es noch gut in Schuss und wird sicherlich in zwei Jahren wieder über den TÜV kommen. Günters Freunde stammen alle aus derselben Stadt wie er, auch sie lesen gerne und hören Musik, und eine persönliche Homepage haben sie natürlich auch, ein Klick genügt, und der nächste Günter ist hier.

Man hat behauptet, das Internet verändere die Gesellschaft. Die Entwicklung der "persönlichen Homepages" kann mit Fug und Recht als Zivilisationsschub bezeichnet werden. Noch vor wenigen Jahren wäre es undenkbar gewesen, auf einer Bushaltestelle zu lesen: "Herzlich willkommen zu meiner Krakelei, ich bin 23 und heiße Günter." Heute ist es selbstverständlich, dass niemand mehr sein Dagewesensein unkommentiert im Raum stehen, sondern den Leser daran teilhaben lässt und ihm keine persönlichen Informationen mehr vorenthält, durch die der Eindruck entstehen könnte, er sei nur ein Bushaltestellenbeschmierer und nichts sonst.

Was früher zu öffentlichem Ärgernis Anlass gab, Toilettenbetreiber in den Wahnsinn trieb und Hausbesitzer in die Gewaltbereitschaft, ist dank des Internets zu einer grüßenden und plaudernden Gemeinschaft geworden. Hier ist er Wirklichkeit geworden, der Traum von einer Menschheit, die sich in den Armen liegt, einer Menschheit aus willkommenheißenden Günters und glückwünschenden Petras, die gerne lesen und Musik hören, und es ist als das Zeugnis einer hochentwickelten Zivilisation anzusehen, wenn aus dem Internet zwischen Datenbanken und Suchmaschinen immer wieder der Ruf erschallt: "Günter was here".