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Kolumne
 

Chatroom

Es war doch immer das gleiche: trotz der späten Stunde trieb sein Pflichtgefühl ihn dazu, noch einen letzten Blick auf seine Mails zu werfen. Er haßte den Gedanken, ins Bett gegangen zu sein und etwas wichtiges übersehen zu haben. Die Gefahr, daß er dabei noch eine Mitteilung bekam, die unverzügliches Handeln erforderte, war natürlich nicht groß, dennoch konnte er es nicht lassen.

Und richtig, es kam, wie es kommen mußte. Der letzte Bericht zur Lage in der Provinz war eingegangen. Mit einem müden Seufzer klickte er es an.

"Salve, Gustl. Ich hoffe, Dir und Livi geht es prächtig. Hier bei uns ist das Wetter saumäßig und die Stimmung entsprechend mies. Das Casting läuft auch nicht besonders. Es ist doch nicht zu fassen, wie schwer es einem heutzutage gemacht wird, eine anständige Show auf die Beine zustellen. Gestern habe ich schon Herm mein Leid geklagt. Der ist, wie immer, einfach ein Prachtkerl und hatte gleich eine gute Idee. Er hat mir von einer fabelhaften Location in der Nähe von Osnabrück erzählt. Angeblich sollen dort ganz phantastische Burschen immer noch frei herumlaufen, mit Muskelpaketen an den richtigen Stellen und durchaus nicht abgeneigt, gegen entsprechenden Stoß zwischen die Rippen (vielleicht auch finanziell?) mal ihr Glück in der Hauptstadt zu versuchen. Also brechen wir morgen alle miteinander dorthin auf, obwohl Siggi, der alte Stänkerer, behauptet, daß es eine Schnappsidee sei, denn es wäre dort einfach nichts zu holen. Ich melde mich dann wieder, wenn wir wieder da sind."

"Gustl" verdrehte die Augen. Dieser Idiot wollte doch tatsächlich auf und davon, mit allen Leuten und dem ganzen Geld, ohne sich noch einmal mit ihm abzusprechen!... Er beschloß einen letzten Versuch zu unternehmen, den blöden Kerl noch vor seinem Abbruch zu erreichen.

"Sie haben eine Nachricht" - was? Um diese Zeit noch? Gut, er war zwar noch beim Packen, aber trotzdem... Genervt klickte er sich ein.

"Servus, Pu! Bist Du zu sprechen?"

"Gustl? Ja, Mensch, Gustl, was machst Du denn zu nachtschlafender Zeit einfach so im Netz?"

"Was wohl? Ich versuche, mich vernünftig mit Dir auszutauschen. Ich habe Deine Mitteilung gelesen, bezüglich Deiner Reisepläne mit Herm."

"Tja, also das ist so..." Verdammt, er hätte es sich denken können, daß der Alte es krumm nehmen würde, nicht gefragt worden zu sein. "Das, was Du für die Show in der neuen Arena brauchst, ist hier einfach nicht zu kriegen. Die Kerle sind alle klein, mickrig, unterernährt, und die Frauen bestenfalls sommersprossig und rothaarig, aber nicht blond und sicherlich nicht sexy. Aber Herm hat mir erzählt, daß es nur einige Kilometer weiter tolle Möglichkeiten für genau die Art von Casting gäbe, wie es uns vorschwebt. Außerdem könnte die Landschaft dort uns auch noch als Location inspirieren. Tolle Aussichten, was?"

"Ich weiß nicht recht. Was meint denn Siggi dazu?"

"Herrje, Siggi... Siggi ist alt, kriegt seinen Hintern nicht mehr hinterm Ofen hervor und ist dem Herm auch noch bitterböse, weil der sich neuerdings dem Siggi seine Thusnelda geschnappt hat und jetzt einen auf Schwiegersohn macht."

"Siggi ist nicht nur alt..." "Pu" ahnte, einen Fehler begangen zu haben, als er gegenüber seinem immerhin 70-jährigen Boß den 60-jährigen Siggi als abgewrackt dargestellt hatte. "Er ist auch weise..." Da war es! Und nun kam es knüppeldick.

"Ich bin mir nicht so sicher, daß es in der gegenwärtigen Wirtschaftslage angezeigt wäre, irgendwelche Risiken einzugehen. Du weißt, wir haben bei Ägypten noch immer kein return on invest erreicht, und die Investitionen im Osten haben sich auch noch nicht amortisiert. Was wir für die Show an human ressources brauchen, kriegen wir auch woanders. Also bleib lieber, wo Du bist, Pu."

Da gingen sie also wieder mal in Rauch auf, seine Reisepläne und er sah sich weitere sechs Monate in diesem regnerischen Kaff sitzen. Die Wut über seinen Schnitzer mit Siggi drohte ihn fast zu ersticken, ähnlich wie der Ärger über den dämlichen Spitznamen (sein Vorname, das breite, gutmütige Gesicht, seine Vorliebe für gutes Essen und die Meinung, er sei nicht besonders helle, hatte den Vergleich mit jenem "Bären von geringem Verstand" bei seinen alten Kumpels geradezu herausgefordert - und der Name war haften geblieben).

"Aber Gustl," hob er verzweifelt an, "was Herm sagt, hat Hand und Fuß. Wir sollten auf ihn hören."

"Diesmal nicht. Ich wünsche keine weiteren Diskussionen zu diesem Punkt. Wir finden schon noch geeignete Beute für die Löwen. Ach ja, und was den ‚Gustl' angeht: Deine Cousine Livia ist meine Frau und darf mich nennen, wie sie will. Für Dich jedoch heißt es noch immer Augustus Imperator, verstanden?"

"Verstanden. Ich werde also hier bleiben. Ave Cäsar. Ende der Übertragung, Publius Quintilius Varus, Prokonsul, Mongontiacum."

Heute wissen wir, daß der Verfassungsschutz einfach übersehen hatte, daß Hermann ein Terrorist war, der finstere Pläne hegte, die zum Untergang des Reiches geführt haben würden. Aber wir hatten, Gott sei dank, die nötige Technologie - und Augustus den richtigen Riecher.